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Familiengeschichten
Chemnitz I

Mecklenburg-Vorpommern
Sachsen

Briefkopf
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Gießerei Richter
Die Gießerei zu Zeiten meines Urgroßvaters um 1900

1875 eröffnete der damals 29-jährige Carl August Richter, mein Ururgroßvater, in Altchemnitz an der Annaberger Straße 114 mit zehn Beschäftigten eine kleine Tiegelgießerei.

Er arbeitete als Zulieferer für Maschinenbaubetriebe und fertigte Handelsguss.

Der gute Geschäftsgang ermöglichte ihm in den Jahren 1882, 1888 und 1895 wiederholt Erweiterungsbauten. 1888 ersetzte er den Tiegelofen durch einen Kupolofen, für das Gebläse schaffte er eine Dampfmaschine an. Um 1900 arbeiteten 70 Personen in der Gießerei.

Grundriss
Bauetappen der Gießerei C. A. Richter

Nach dem Tode des Firmengründers wandelten die Söhne 1921 das Unternehmen in eine GmbH um. Einer davon war Julius Richter, mein Urgroßvater.

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Eisengiessereibesitzer Julius Richter

1942 erwarb die Auto Union die Richtersche Gießerei und führte diese unter dem alten Namen weiter. Wie in vielen anderen Betrieben kamen nun auch hier ab 1942 Kriegsgefangene und Dienstverpflichtete zum Einsatz. Zeitweise arbeiteten Menschen aus acht Nationen im Betrieb.
Obwohl die Gießerei von Kriegschäden verschont blieb, wurde es immer schwieriger, die geforderten Stückzahlen zu bringen. So waren durch Stromausfall im September 1944 nur 15 Gießtage möglich.

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges wurde die Gießerei verstaatlicht. Da seit 1900 im Betrieb kaum Modernisierungen vorgenommen worden waren, blieb er 1945 von der Demontage verschont.

Von 1947 bis 1987 war die ehemalige Richtersche Gießerei Lehrgießerei des VEB Gießerei Rudolf Harlaß. Am 15. Juli 1987 erfolgte der letzte Guss. Der Lehrbetrieb wurde ins Werk an der Scheffelstraße verlagert (ehemalige Gießerei Carl Ernst Seidel, später Schubert & Salzer).

Nun sollte die ehemalige Gießerei Museum werden.

Das Textima-Kombinat erhielt die staatliche Auflage, hier bis zum Sommer 1988 ein Textilmuseum einzurichten. Diese Pläne kamen jedoch nicht mehr zur Ausführung. Die sozialistische Planwirtschaft verhinderte die Umsetzung.

Die Gebäude waren, wie alle Industrieanlagen in der DDR, jahrelang auf Verschleiß gefahren worden. Der Zustand, besonders des Daches, war zur Wendezeit ruinös.

Gießerei 1992
Industriebrache vor der Sanierung um 1992

Im Mai 1990 gründeten Historiker, Technikwissenschaftler und Vertreter der Industrie den Förderverein Industriemuseum Chemnitz e.V. Sie setzten sich für den Aufbau eines Industriemuseums in Chemnitz ein. Am 28. August 1991 beschloss das Stadtparlament die Gründung des Industriemuseums. Dem Förderverein war es zu verdanken, daß mit viel Aufwand die Gebäude saniert und so der Nachwelt erhalten werden.

Nach Sanierung Industriemuseum

Die beiden oberen Bilder zeigen das Hauptgebäude nach der Sanierung und dem damit verbunden Umbau. Die kleine Tür neben dem Turm war früher nicht vorhanden und ist heute der Eingang zu den Ausstellungsräumen. Das große Tor zur Hofseite (nicht sichtbar) wurde verschlossen und ist heute nur noch als Fenster sichtbar

Für die erste Aufbaustufe eines sächsischen Industriemuseums wurde die ehemalige Richtersche Gießerei ausgewählt. Schrittweise folgte ihre Umgestaltung zum Museum. Bis zum Sommer 2001 zeigte man hier weit über 30 Ausstellungen. Wiederholt war das Museum Gastgeber für wissenschaftliche Veranstaltungen.

Mit dem Beschluss, das Museum für sächsische Industriegeschichte in der größeren ehemaligen Harlaß-Gießerei in Kappel zu bauen, verlor der Standort an der Annaberger Straße seine Bedeutung.
(April 2003) Das Museum wurde am neuen Standort wiedereröffnet.

Innenansicht
Ausstellungsraum im Hauptgebäude

Die weitere Nutzung der Gebäude ist z.Z. ungewiß. Ein neues Nutzungskonzept wird durch den Eigentümer, die Stadt Chemnitz, noch gesucht. Es bleibt die Hoffnung, daß die Sanierung der Gebäude nicht umsonst und die Nutzung als Museum nur ein weitere Zwischenphase in der Geschichte der ehemaligen Richterschen Gießerei war.
(September 2003) Diese Hoffnung scheint sich zu erfüllen. Laut einem Zeitungsbericht der "Freien Presse" soll in die Gebäude ein Harley Davidson-Händler mit Shop und Werkstatt einziehen. Ich finde, beides würde gut miteinander harmonieren!
(31.01.2004) Heute war Eröffnung! Es kehrt wieder Leben und Technik in die Gebäude ein.

Heute bin auch ich, der Ururenkel des Firmengründers, Teilhaber in einer Firma und so wird die unternehmerische Tradition unserer Familie, nach über 50-jähriger Unterbrechung, seit 1990 in Chemnitz fortgesetzt.
(November 2004) Verkauf der Firma. Ich selbst werde die Umstrukturierung in eine unselbstständige Außenstelle leiten und dann zum Ende 2005 ebenfalls ausscheiden.

DiDio

Und was kommt danach? Ein neues selbstständiges Betätigungsfeld? Vielleicht Hobby und Beruf verbinden, von zu Hause aus arbeiten? Ja, im Webdesign!

Quellenangabe

Texte:

eigene Textzusätze und Auszüge aus:
10 Jahre Museum in der Richterschen Gießerei
erschienen 2001 im Zweckverband Sächsiches Industriemuseum Chemnitz
Herausgeber: Jörg Feldkamp, Industriemuseum Chemnitz
ISBN 3-934512-05-04
4,00 €

Von der Wolfsjägersiedlung zum Hightech Standort
Eine Chemnitzer Stadtteilgeschichte zu Altchemnitz und Umgebung

erschienen 2001 im Verlag Heimatland Sachsen GmbH Chemnitz
Herausgeber: Jörn Richter
ISBN 3-910186-32-7
12,80 €

Bilder: Verlag Heimatland Sachsen GmbH Chemnitz (Bild 5)
Sächsisches Industriemuseum Chemnitz (Bilder 1 bis 3, 6 bis 8)
Di Dio-Lorenz GmbH Chemnitz (Bild 9)

Eigene Bildersammlung (Bild 4)


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Letze Änderung: 06.06.2016